Familie 

Was tun, wenn ein Elternteil psychisch erkrankt? Tipps vom Psychiater

24.2.2016, 04:50 Uhr

Wenn ein Elternteil psychische Probleme hat, werden die Kinder meist wenig über die Krankheit aufgeklärt. Ein grober Fehler, sagt Alain Di Gallo. Der Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik Basel warnt vor mangelnder Kommunikation und plädiert fürs offene Gespräch. Von

© Atlantis Verlag 2016: Wie erleben Kinder
 die depressive Mutter? Das Kinderbuch «ZiegenHundeKrähenMama» von Katharina Tanner erzählt eine einfühlsame Geschichte zum schwierigen Thema.

Wie erleben Kinder die depressive Mutter? Das Kinderbuch «ZiegenHundeKrähenMama» von Katharina Tanner erzählt eine einfühlsame Geschichte zum schwierigen Thema. (Bild: © Atlantis Verlag 2016)

Herr Di Gallo, welchen Einfluss hat die psychische Erkrankung eines Elternteils auf ein Kind?

Das Risiko einer eigenen Erkrankung ist höher als bei Kindern mit gesunden Eltern. Die Genetik spielt dabei eine  Rolle, es darf aber nicht vergessen werden, dass sich eine psychische Krankheit auch stark auf das Zusammenleben und die Beziehungen in der Familie auswirkt.

Wie meinen Sie das?

Ein Beispiel: Wenn eine Mutter nach der Geburt ihres Kindes an einer Depression leidet, hat sie Schwierigkeiten, dem Neugeborenen angemessen zu begegnen. Nehmen wir das Wickeln: Hier entsteht eine gemeinsame Melodie, das Kind gurgelt und lacht, die Mutter lacht zurück und das Kind erkennt wiederum das eigene Gefühl im Gegenüber. Psychisch kranken Eltern ist es oftmals nicht möglich, Emotionen zu spiegeln – das hat einen grossen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes.

Und später?

Da gilt dasselbe. Psychisch kranke Eltern sind schneller gestresst, haben weniger Geduld. Dazu kommt der soziale Aspekt: Eltern mit psychischen Erkrankungen sind oftmals aus einkommensschwächeren Gesellschaftsschichten, leben in engen Wohnverhältnissen unter schwierigen Bedingungen. Das alles hat einen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes, da kommen deutlich mehr Risikofaktoren zusammen als bei einem Heranwachsenden mit gesunden Eltern.

«Das Kind weiss, dass etwas nicht in Ordnung ist, kann es aber nicht benennen.»

Wie reagieren Kinder auf eine psychische Erkrankung der Eltern?

Ganz unterschiedlich. Einige Kinder versuchen, ihre Eltern zurück in die Beziehung zu holen, indem sie sich auffällig verhalten. Je nach Temperament werden sie wütend und versuchen ihre Eltern zu provozieren. Andere nehmen sich eher zurück und passen sich an. In erster Linie spüren sie jedoch eine grosse Verunsicherung: Das Kind weiss nicht, was los ist, es ist verwirrt, hat Angst, schämt sich vielleicht und traut sich nicht mehr, Freunde zu sich nach Hause einzuladen. Dazu kommt die Sprachlosigkeit: Das Kind merkt, dass etwas nicht in Ordnung ist, kann es aber nicht benennen.

Prof. Dr. med. Alain Di Gallo

Klinikdirektor Kinder- und Jugendpsychiatrische Klinik, Universitäre Psychiatrische Kliniken (UPK) Basel.

 

 

 

Im Kinderbuch «ZiegenHundeKrähenMama» der Basler Autorin Katharina Tanner finden die beiden Kinder eine eigene Sprache für die Krankheit der Mutter: Sie besetzen sie mit Tierfiguren. Erst ist die Mama eine Ziege, dann ein Hund und eine Krähe.

Das ist eine Möglichkeit, mit der Krankheit umzugehen. Die Namensgebung ist eine Entlastung, die Kinder stellen damit das Verhalten der Mutter in einen neuen, freundlicheren Kontext. Das löst aber noch nicht das Problem: Ganz häufig werden den Kindern psychische Krankheiten nicht klar kommuniziert. Man sagt, «der Mama gehts heut nicht so gut, sei bitte etwas ruhig», und lässt das so stehen. Das ist gefährlich, weil man die Kinder damit ausschliesst. Es ist eine Illusion zu denken, dass sie die Erkrankung ihrer Eltern nicht bemerken.

Wie verhält man sich richtig?

Das Wichtigste ist, dass man die Kinder altersgemäss informiert, ihnen klar vermittelt, was los ist. Der kranke Elternteil kann das häufig nicht, er hat  allein nicht die Kraft dazu. Da ist es hilfreich, wenn der gesunde Partner die Situation auffangen kann. Es können aber auch andere  Menschen aus dem Umfeld diese Aufgabe übernehmen, Grosseltern, Paten, Lehrer oder Ärzte. Das Wichtigste ist einfach, dass man nicht schweigt.

«Die Kinder müssen wissen, dass ihre Verwirrung normal ist und die Krankheit ihrer Eltern nichts mit ihnen zu tun hat.»

Und die Krankheit beim Namen nennt.

Genau. Wenn man sagt «Papa braucht Ruhe» oder «der Onkel hängt an der Flasche», dann hilft das dem Kind nicht weiter, es kann mit diesem Bild nichts anfangen. 

Welche Chancen bieten Geschwister?

Geschwister können eine Möglichkeit sein, das Leid zu teilen. Als Geschwister findet man eine gemeinsame Sprache für die Krankheit, man einigt sich auf eine gemeinsame Erklärung. Wie die beiden Kinder in «ZiegenHundeKrähenMama» mit den Tierbezeichnungen. Doch das reicht nicht aus. Kinder brauchen die Unterstützung von Erwachsenen, die das Thema aufgreifen und mit ihnen besprechen: Was bedeutet das jetzt, wenn das Mami kräht wie eine Krähe? Es reicht nicht, wenn man die Kinder in ihrer Welt lässt. 

Eigentlich ja alles ganz selbstverständlich.

Eigentlich ja. Trotzdem ist das Thema bis heute weitgehend tabu. Deshalb ist es wichtig, Aufklärungsarbeit zu leisten. In Basel gibt es dazu beispielsweise das Projekt «irre Normal» des Gesundheitsdepartementes Basel-Stadt – da gehen Betroffene und Fachleute an Schulen und klären auf. So wird das Verständnis gefördert, die  Jugendlichen sehen, dass eine psychische Krankheit jeden treffen kann. Genau das brauchen auch direkt betroffene Kinder – zu sehen, dass jemand da ist, mit dem sie reden können. Sie müssen wissen, dass ihre Verwirrung normal ist und die Krankheit ihrer Eltern nichts mit ihnen zu tun hat. Damit ist der wichtigste grundlegende Schritt getan.

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Das Buch zum Thema: «ZiegenHundeKrähenMama» von Katharina Tanner, Atlantis Verlag 2016.

 

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kinder

Depressive Eltern 

Kinderbuch: Wenn die Mama zur Ziege wird

24.2.2016, 04:50 Uhr

Wie gehen Kinder mit der psychischen Erkrankung ihrer Eltern um? Die Basler Autorin Katharina Tanner erzählt in «ZiegenHundeKrähenMama» eine einfühlsame Kindergeschichte zu einem heiklen Thema. Von

© Atlantis Verlag 2016: Depression in der Familie hat viele Gesichter: Lotte, Paul, Papa und Ziegen-Mama in Action.

Depression in der Familie hat viele Gesichter: Lotte, Paul, Papa und Ziegen-Mama in Action. (Bild: © Atlantis Verlag 2016)

Laute Lotte und Kleiner Paul sind verwirrt. Gerade noch war Mama quietschfidel, und jetzt liegt sie nur noch auf dem Sofa, starrt Löcher in die Luft und meckert herum. «Wie eine Ziege!», beschliessen die beiden und versuchen, die lethargische Mutter von ihrem Ziegen-Status zu befreien. Doch Mama mag nicht. Mehr noch: Sie verwandelt sich weiter, von der meckernden Ziege in einen bellenden Hund und später in eine krächzende Krähe.

Lotte und Paul turnen derweil herum, reissen sich an den Haaren, spielen und schreien. Bis Mamas Krankheit auch an ihnen zu nagen beginnt: Sie werden traurig, plötzlich fängt es im Haus an zu schneien, und die beiden Geschwister verirren sich in den Schneemassen. Papa kommt nach Hause, aber sie hören ihn nicht mehr, immer weiter wandern sie in den Schnee hinein, ohne Durst und Hunger.

 

Kleiner Paul und Laute Lotte mit lümmelnder
 Mama, bevor die Ziege sich bemerkbar macht.

Kleiner Paul und Laute Lotte mit lümmelnder Mama, bevor die Ziege sich bemerkbar macht. (Bild: © Atlantis Verlag 2016)

 

Infos zum Buch

Katharina Tanner:
«ZiegenHundeKrähenMama», Atlantis Verlag, 2016. 32 Seiten.

 

 

 

Es wird Tag und Nacht und dann wieder Tag, Lotte und Paul finden ihre Ziegenmama wieder, kämpfen mit vereisten Stöcken gegen das Getier und schlafen schliesslich bei ihr ein. Am Ende der Geschichte steht die Mama dann doch wieder auf, nicht mehr als Tier, sondern ganz als Mama-Mensch, und musiziert mit den beiden Kindern. Das glückliche Ende ist nur vorübergehend, im letzten Satz schwingt bereits die Gewissheit mit, dass der Schnee wiederkehren wird: «… und so begannen sie das Lied einfach noch einmal von vorne.»

Der richtige Ton im richtigen Moment

Die Basler Autorin Katharina Tanner hat mit «ZiegenHundeKrähenMama» eine Kindergeschichte geschrieben, die ganz anders funktioniert als das, was man gemeinhin unter einem Buch über Depressionen verstehen würde. Würde, denn: Wie viele Kinderbücher setzen sich schon spielerisch mit dem Thema auseinander, ohne gleich in pädagogischen Schwermut zu verfallen? Psychische Erkrankungen sind keine einfache Angelegenheit, und für diese heikle Lebenswelt Worte und Bilder zu finden (das ganze Buch übrigens ist fantastisch illustriert von der israelischen Illustratorin Lihie Jacob), gleicht einer Herkules-Aufgabe.

Eine Aufgabe, der Katharina Tanner eindeutig gewachsen ist: Die Autorin begibt sich ganz in die Kinderwelt, in den unschuldigen Irrsinn von Klein Paul und Laute Lotte, die ihre eigenen Methoden entwickeln, mit der psychischen Erkrankung ihrer Mutter umzugehen. Vergeblich sucht man nach moralischen Zeigefingern und Lösungsansätzen und kriegt dafür ein Kinderbuch, das in den richtigen Momenten den richtigen Ton trifft. Wenn Kleiner Paul der Zimmerlinde droht, ihr alle Blätter abzubeissen, Laute Lotte nachdoppelt: «Und die Haut abziehen?», während die Mama im Hintergrund als grosse Krähe auf dem Sofa dahinseucht, dann ist das ein Kinderuniversum in nuce – tragisch und schön, berührend und unzimperlich zugleich.

«In all die kleinen Dinge vermag die Autorin etwas Grösseres, Existenzielles hineinzulegen, sodass in den leicht klingenden Sätzen immer auch das Gewicht eines ganzen Lebens mitklingt», schrieb einst die FAZ über Katharina Tanner. Ihr neuster Streich bildet da keine Ausnahme: «ZiegenHundeKrähenMama» trägt das Gewicht einer psychischen Krankheit, federleicht erzählt, tonnenschwer nachhallend.

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Was meint ein Kinderpsychiater zum Thema Kinder mit psychisch erkrankten Eltern? Hier gehts zum Interview mit Alain Di Gallo, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik Basel.

 

 

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